Direkt zum Inhalt

Der Besuch des Museums ist nur mit einem Zeitfenster-Ticket möglich, das Sie in unserem Online-Shop erhalten.

Das Geheimnis des Cyborgs

Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM

Caspar Battegay

Im Jahr 2029 verkündet der Megacomputer Golem XIV in dem ihm eigenen Pathos das posthumane Zeitalter: Der Mensch könne sich nur dadurch retten, indem er sich von den »Ketten aus Aminosäuren« befreie und die Grenzen des »Codes« erweitere. Der Abschied der Intelligenz vom organisch-biologischen Zustand suggeriert in Stanisław Lems Erzählung aus dem Jahr 1981 ein qualitativ erweitertes Denkvermögen, eine Überwindung der Fragilität, die mit dem Körper einhergeht, sowie eine grundsätzliche Transformation des Menschen über die biologische Evolution hinaus. Die kybernetische Fantasie des 20. Jahrhunderts greift immer wieder auf die Figur des Golem zurück. Damit ist aber auch die alte Angst benannt, dass die von uns geschaffene Intelligenz sich gegen uns wenden könnte. Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, sprach bereits 1964 in seinem letzten Buch God & Golem, Inc. davon, dass der Computer »das moderne Gegenstück zum Golem des Rabbiners von Prag« darstelle.

Der Golem wird durch Sprachmagie erschaffen. Dies korrespondiert mit der Kernthese der Kybernetik, dass anorganische und organische Prozesse durch Informationsflüsse und Codes gesteuert werden. Die ambivalente Pointe des Golem- wie des Cyborg-Motivs ist, dass beide Figuren selbsttätig Intelligenz entwickeln und darum ihre Programmierung erkennen, sich autonom darüber hinwegsetzen beziehungsweise umschreiben. Das Bedrohungsszenario der künstlichen Intelligenz ist zwar alt, hat jedoch mit der rasanten Entwicklung der Informationstechnologie eine neue Aktualität erhalten. Alex Garlands Film Ex machina wirkt so unheimlich, weil uns die künstliche Intelligenz inzwischen jeden Tag tatsächlich durch autonom tätige Programme manipuliert und verführt.
Aber der Cyborg enthält auch ein Versprechen auf Freiheit. Nicht zufällig sah die feministische Theoretikerin Donna Haraway in dieser Figur ein Symbol für das Umschreiben auch sozialer Codes. Und in Marge Piercys Science Fiction-Roman He, She and It (1991) taucht der Androide Yod auf, der von seiner Programmiererin Malka eine feministisch transformierte Golemlegende erzählt bekommt. Wie sein Vorfahre aus Prag soll Yod – übrigens ein perfekter Liebhaber – die jüdische Gemeinschaft retten. Dabei verliebt er sich auf einmal in eine menschliche Kollegin und erkennt, dass sowohl die Rettung der Juden der Zukunft als auch seine eigene Befreiung in der Neuprogrammierung des Codes liegt. Indem er sich der Kontrolle seines Herstellers entwindet und sich schließlich gegen ihn richtet, zeigt Yod den anderen Figuren, wie Rettung und Befreiung gedacht werden können: Durch Selbsterkenntnis und Transformation vermeintlich feststehender Realitäten. Piercys Roman illustriert damit positiv, was Garlands Film negativ vorführt: Das Geheimnis der künstlichen Intelligenz ist nicht ihre Intelligenz, sondern der Augenblick der Befreiung.

Caspar Battegay ist Ambizione-Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Lausanne. Dort arbeitet er an seiner Habilitationsschrift über utopisches Denken in der jüdischen Literatur der Moderne. Seine Interessensgebiete umfassen die deutsch-jüdische Literatur, Literaturtheorie, moderne Geistesgeschichte und Popkultur.

Filmstill aus Ex_machina, ein weiblicher Android, dessen Hals und Nacken aus Drähten und Metallverkleidungen bes

Ex_Machina (Filmstill)
Drehbuch/Regie: Alex Garland
England, 2015

Zitierempfehlung:

Caspar Battegay (2016), Das Geheimnis des Cyborgs. Beitrag im Ausstellungskatalog GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4690

Teilen, Newsletter, Feedback