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Der Golem in Berlin

Einleitung zum Katalog zur Ausstellung GOLEM

Peter Schäfer

Der Golem hat eine lange Karriere hinter sich, im Judentum und weit über das Judentum hinaus. Sie beginnt in der Hebräischen Bibel und führt, mit immer neuen Transformationen, bis in unsere Gegenwart. Das Wort »Golem« (als Substantiv) findet sich nur einmal in der Bibel, und zwar in den Psalmen. Dort preist Adam Gott als seinen Schöpfer, der ihn im Schoß seiner Mutter, der Erde, gewoben hat. »Deine Augen«, sagt er zu Gott, »sahen meinen Golem« (hebräisch golmi), meinen noch ungeformten und in seinen Gliedern noch nicht ausdifferenzierten Embryo, wie er in den dunklen Tiefen der Erde lag (Psalmen 139:16). Du hast dich schon um mich gekümmert und meiner angenommen, bevor ich noch ein fertiger Mensch war.

Dieser hochpoetische Psalm ruft uns in Erinnerung, was wir aus dem Schöpfungsbericht vom Anfang der Bibel wissen. Genau genommen gibt es dort zwei Schöpfungsberichte. Im ersten heißt es nur, dass Gott den Menschen nach seinem Abbild und als Mann und Frau erschuf (Genesis 1:26–28) – wie er ihn schuf, wird nicht erklärt. Dies wird im zweiten Schöpfungsbericht nachgeholt, wonach Gott Adam aus Erde formte und ihm dann den Lebensatem in seine Nase blies (Genesis 2:7); die Frau wurde erst später aus einer Rippe Adams »gebaut« (Genesis 2:22). Während der Schöpfungsbericht der Genesis also die beiden wesentlichen Elemente der Erschaffung Adams benennt – sein Körper entstammt der Erde, der Geist aber, der ihn erst zu einem lebendigen Wesen macht, kommt von Gott – lässt der Psalm offen, wie dem noch in der Erde liegenden und aus Erde bestehenden Golem-Embryo das Leben eingehaucht wird. Genau dies sollte das Sprungbrett für die Ausbildung aller weiteren Golem-Legenden werden.

Den ersten menschlichen Versuch, einen Menschen zu erschaffen, überliefert der babylonische Talmud. Dort wird behauptet, dass ein vollkommen gerechter, d. h. sündenloser Rabbi nicht nur einen Menschen, sondern eine komplett neue Welt erschaffen könnte – nur leider erfüllt kein sterblicher Mensch diese Bedingung, und deswegen kann das Ganze nicht funktionieren. Ein Rabbi versuchte es trotzdem, und es gelang ihm tatsächlich, einen »Mann« zu erschaffen – doch konnte der nicht sprechen und erwies sich damit als eine Kreatur, der das Entscheidende fehlte: der Lebensatem. Ein Kollege des Rabbi entlarvte die Kreatur als magisches Machwerk und verwandelte sie sogleich wieder in Staub. Zwei weitere Kollegen konnten es dennoch nicht lassen, aber auch ihr Versuch missglückte, denn statt eines Menschen gelang ihnen nur ein kleines Kälbchen – das sie dann aufaßen. Mit dieser ironischen Wendung will der Talmud alle menschlichen Allmachtsfantasien ad absurdum führen.

Trotz der Warnung des Talmud verfasste ein anonymer Autor dann aber ein »Buch der Schöpfung« das zum Handbuch für all jene werden sollte, die sich an weiteren Golem-Kreationen versuchten. Indem das »Buch der Schöpfung« die gesamte göttliche Schöpfung – des Kosmos wie auch des Menschen – auf die Zahlen von 1 bis 10 und die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets als den elementaren Bausteinen der Schöpfung zurückführte, lieferte es zum ersten Mal den Zauberschlüssel (im wahrsten Sinne des Wortes), mit dessen Hilfe aus dem Erdklumpen des Golem ein lebendiger Mensch werden konnte. Wer die zehn Zahlen und die 22 Buchstaben in der rechten Weise zu kombinieren versteht, kann eine neue Welt und eben auch einen neuen Menschen schaffen. Die Buchstaben des Tetragramms, des vierbuchstabigen Gottesnamens JHWH, spielen dabei eine besondere Rolle, denn sie gelten als die magisch potentesten Buchstaben des hebräischen Alphabets.

Damit sind weiteren Versuchen, einen Golem zu erschaffen, Tür und Tor geöffnet.

Das Wissen um die Kombination und Permutation der Buchstaben und Zahlen wird zu einem magischen Geheimwissen, das nur in elitären mystischen Kreisen tradiert und angewendet werden darf. Es sollte bis zum Hohen Mittelalter dauern, bis die nächsten Versuche, einen Menschen zu erschaffen, gewagt wurden. Im 12. und 13. Jahrhundert formierten sich vor allem im Rheinland jüdische Zirkel, die sich die »Frommen von Aschkenas« nannten, Rabbiner, die überzeugt waren, dass sie genau jene Frömmigkeit und vollkommene Gerechtigkeit mitbrachten, deren Fehlen im Talmud beklagt wird. Von ihnen sind ebenso präzise wie endlose Tabellen der notwendigen Buchstaben- und Zahlenpermutationen überliefert, und von ihnen wissen wir, dass sie diese benutzten. Sie nahmen »jungfräuliche«, d. h. unbearbeitete Erde, formten daraus einen Golem und sprachen dann über die noch unbelebte Figur die vorgeschriebenen Permutationen. Wenn sie diese in der richtigen Reihenfolge ausführten, wurde der Golem zum Leben erweckt und erhob sich aus der Erde. Aber dieser Golem war (noch) völlig zweckfrei, seine Erschaffung ein Ritual, das nur dazu diente, die Schöpfungsgewalt des jüdischen »Frommen« zu demonstrieren. Nachdem das gelungen war, wurde der Golem durch die Rezitation der Permutationen in umgekehrter Reihenfolge wieder in die Erde zurückbefördert.

Doch bei diesem zweckfreien Ritual sollte es nicht bleiben. Konnte man einmal einen lebendigen Menschen erschaffen, war die Versuchung groß, diesen auch für die konkreten Bedürfnisse der jüdischen Gemeinde einzuspannen. Und welcher Zweck könnte wichtiger sein, als diesen Golem zur Verteidigung der Juden vor Verfolgungen einzusetzen? Brachte er doch ideale Voraussetzungen dafür mit: Er hatte keinen eigenen Willen, sondern gehorchte nur seinem Schöpfer, dem Rabbi. Er war groß und stark, und er war diskret, denn er konnte ursprünglich nicht sprechen. Vor allem aber konnte er nicht durch äußere Gewalt getötet werden – nur wenn der Rabbi den magischen Zauber aufhob, der ihn am Leben hielt, würde er wieder zu Staub zerfallen. Damit beginnt eine ganz neue Stufe in der Entwicklung der Golem-Überlieferung, die eine Flut von Legenden hervorbringen sollte. Erster Kristallisationspunkt dieser Legenden ist die Gestalt des Rabbi Judah Loew von Prag (gest. 1609), von dem wir bis heute nicht wissen, wie er zu dieser Ehre gekommen ist. Er soll der erste gewesen sein, der erfolgreich einen Golem zur Verteidigung der Prager Juden erschuf; durch ihn ist Prag bis heute ein Zentrum der Golem-Traditionen, um nicht zu sagen eines Golem-Kultes. Die Überreste dieses Golem, den Rabbi Judah Loew nach erfolgreicher Arbeit wieder zu Staub beförderte, sollen bis heute auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge liegen.

Aber auch der Prager Golem war vor Missbrauch nicht gefeit: Wenn die Frau des frommen Rabbi ihn für so profane Zwecke wie die alltägliche Arbeit im Haushalt einsetzen will, kann dies nur gründlich schiefgehen. Ein direkter Ableger dieser Zweckentfremdung des Golem ist Goethes Zauberlehrling: Der von dem unerfahrenen Zauberlehrling in einen Wasserträger verwandelte Besenstiel kann nicht gestoppt werden und setzt das ganze Haus unter Wasser, bis endlich der Meister, der allein die richtige Formel kennt, dem Treiben ein Ende setzt.

Mit dem Prager Golem entwickeln sich fast explosionsartig vielfältige Ideen und Bilder zum Golem. Er erobert die Literatur, das Theater, die Musik, den Film, die Kunst, Comics und Kinderbücher. Im Judentum dominiert der Aspekt des Schutzes vor Verfolgungen – von der mittelalterlichen Blutbeschuldigung bis hin zur NS-Zeit. Aber auch die dunkle Seite des Golem ist präsent: Ein Golem kann außer Kontrolle geraten und Amok laufen. Wenn dies passiert, muss der ihn kontrollierende Rabbi ihn schnell wieder in Staub verwandeln (was manchmal dazu führt, dass der zu riesigen Dimensionen gewachsene Golem den armen Rabbi unter sich begräbt). Vor allem die Literatur der deutschen Romantik betont die dunkle und gefährliche Seite des Golem. Der Schrecken und die Angst, die der Golem verbreiten kann, ist das Leitmotiv der berühmten Golem-Filme von Paul Wegener von 1915, 1917 und 1920. Den Golem als Doppelgänger und Symbol für den ständigen menschlichen Konflikt zwischen Vernunft und Unvernunft, Verstand und Trieb, thematisiert der bis heute erfolgreiche Roman Der Golem von Gustav Meyrink (1915). Und auch die monströse Schöpfung des Frankenstein in Literatur, Film und Kunst basiert auf der Golem-Legende.

Eine zentrale Frage, um die viele Golem-Darstellungen kreisen, ist die, ob und in welchem Sinne der Golem als Mensch bezeichnet werden kann. Er lebt zwar, aber er hat keinen eigenen Willen und führt nur die Befehle seines Schöpfers aus. Manche Quellen zeugen von einer gelehrten Diskussion darüber, ob denn der Golem zu dem Quorum von zehn männlichen Gemeindemitgliedern (dem Minjan) gerechnet werden kann, das für die Durchführung eines regulären Gottesdienstes erforderlich ist. Wenn er ein Mensch ist, darf er dann von dem Rabbiner nach eigenem Gutdünken »getötet« werden? Ist der Rabbi, wie Gott, Herrscher über Leben und Tod? Oder ist der Golem eben doch kein Mensch, sondern nur ein Klumpen Erde, dem für begrenzte Zeit und für einen begrenzten Zweck »Leben« verliehen wurde? Aber auch der Golem kann sich diese Frage stellen: In manchen Erzählungen beginnt er, sich seiner selbst bewusst zu werden, will in die Schule gehen und lernen, ja verliebt sich sogar. Das heißt, der Golem wird immer mehr zu einem echten Menschen – und je weiter der Prozess dieser »Menschwerdung« voranschreitet, desto weniger ist der Golem geneigt, den Befehlen seines Rabbis sklavisch zu folgen. Oft resultiert gerade daraus die destruktive Kraft des Golem, die nur noch schwer zu kontrollieren ist. Aber eines ist sicher: Der Golem ist grundsätzlich männlich. Erst Cynthia Ozick war es vorbehalten, in ihrer Erzählung Puttermesser and Xanthippe einen weiblichen Golem zu erschaffen, der bzw. die sich zu einem männermordenden Monster entwickelt und ganz New York in den Ruin treibt.

Die Frage nach dem Menschsein des Golem führt unmittelbar zu Bezügen, die uns heute umtreiben: Klonen und Gentechnologie, Computer, künstliche Intelligenz, Robotik – alle diese ebenso aktuellen wie heiß umstrittenen Themenfelder können als die direkte Fortsetzung des uralten menschlichen Traumes gesehen werden, einen Golem zu erschaffen und damit die Schöpfermacht Gottes zu imitieren. Als Gershom Scholem, der große Erforscher der jüdischen Mystik, 1965 gebeten wurde, den Festvortrag zur Einweihung des israelischen Computers im Weizmann-Institut in Rehovot zu halten, schlug er vor – wie könnte es anders sein? –, diesen Golem I zu nennen. Derselbe Scholem verfasste nicht nur den bis heute gültigen Beitrag zur Entstehung und Entwicklung der Golem-Legende, sondern machte sich auch über sich selbst in einem Schüttelreim lustig: »Seht ihr dort den Scholem gehn, ach was ist der Golem scheen!«

Meine eigene Geschichte mit dem Golem begann vor vielen Jahren, als ich an der Universität Princeton erstmals einen Kurs für Studierenden aller Fächer in ihren ersten Studienjahren entwickelte, den ich in immer neuen Variationen mehrfach geben sollte. Er wurde mein erfolgreichster Kurs in Princeton, der sogar einmal im studentischen Vorlesungsverzeichnis mit der begehrten Sonnenbrille ausgezeichnet wurde – die für »cooler Kurs« stand. Aus diesen Kursen gingen nicht nur wissenschaftliche Arbeiten – z. B. eine druckreife Untersuchung über den Golem in der deutschen Romantik – hervor, sondern auch Gedichte, Musikstücke und Erzählungen, die die Golem-Legende weiterspinnen. Nach Jahren der intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Golem erfüllt sich mit unserer Golem-Ausstellung für mich nun auch ein persönlicher Traum: daran mitzuwirken, wie das, was ich mit meinen Studierenden zusammen über den Golem gelernt habe, visuell umgesetzt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

Ich wünsche uns allen viel Spaß bei der Begegnung mit dem Berliner Golem.

Peter Schäfer wurde zum 1. September 2014 zum neuen Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin berufen, nachdem er von 1998 bis 2013 als Perelman Professor of Jewish Studies und Professor of Religion an der Princeton University gelehrt hat. Er ist einer der international angesehensten Judaisten unserer Zeit und Träger des Leibniz-Preises, des Mellon-Award, des Ruhr-Preises für Kunst und Wissenschaft, des Leopold Lucas-Preises sowie des Reuchlin-Preises.

Zitierempfehlung:

Peter Schäfer (2016), Der Golem in Berlin. Einleitung zum Katalog zur Ausstellung GOLEM.
URL: www.jmberlin.de/node/4681

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