Gemalter Jazz
Objekt im Fokus: Max Oppenheimers Jazzband (Weintraubs Syncopators), 1927
Ausstellungsansicht der Dauerausstellung mit Max Oppenheimers Weintraubs Syncopators im Themenraum Kunst und Künstler; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März
Als erstes fällt der Blick auf das knallrote Schlagzeug mit der goldfarbenen Basstrommel, vor dem ein silberfarbenes Saxofon in den Raum ragt. Flankiert werden beide durch ein Banjo zur Linken und eine Trompete zur Rechten. Gespielt werden die Instrumente von den Mitgliedern einer der bekanntesten Jazz- und Showbands im Berlin der 1920er-Jahre: den Weintraub Syncopators. Der österreichische Maler Max Oppenheimer malte sie dicht gedrängt ins Bildquadrat.
Der Band-Name verweist auf ihren Gründer, Stefan Weintraub, und die Synkope, eine rhythmische Verschiebung. 1924 als Schülerband gegründet, war die Band, als Oppenheimer sie 1927 malte, bereits durch Auftritte in der Berliner Funkstunde bekannt und auf dem Weg, eine Größe im Berliner Nachtleben zu werden.
Max Oppenheimer (1885–1954): Jazzband (Weintraubs Syncopators), Öl auf Holz, 1927, Jüdisches Museum Berlin (JMB), ehemals Sammlung Dr. Hugo Staub, 1933 zwangsweise entzogen, seit 1962 Privatbesitz, 2024 vom JMB erworben, im Anschluss an eine gerechte und faire Lösung, vermittelt durch das Auktionshaus Grisebach, mit Mitteln einer Testamentsspende von Gisela Schwandt an die Deutsche Bank Stiftung; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Roman März
Von der Tanzkapelle zur Showband
Die Gründer der Band dominieren den Bildraum: Stefan Weintraub am Schlagzeug und Horst Graff mit dem großen Bariton- (oder Bass-)Saxofon und den weit ausladenden Beinen. Rechts Ansco Brunier an der Trompete und links Paul Aronovici am Banjo. Am geöffneten Flügel im Hintergrund sind nur die Hände sichtbar, wohl, weil nach einigen Wechseln in der Besetzung zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes Stefan Weintraub beide Instrumente bediente. Friedrich Holländer spielte nur kurze Zeit mit den Syncopators und Franz Wachsmann kam erst später hinzu.
Auf den Boden rutschende Notenblätter, das von Horst Graff unter den Arm geklemmte Alt-Saxofon, die bereitstehenden weiteren Blasinstrumente – Sopran-Saxofon und zwei Klarinetten – sowie die Dämpfer auf Tisch und Boden lassen die dynamische Spielweise der Band erahnen: Die Musiker wechselten fliegend ihre Instrumente und spielten auch auf Küchengeräten. Clownerien, Pantomimen und Akrobatik waren das Markenzeichen der Syncopators, die seit Frühjahr 1927 in verschiedenen Hollaender-Revuen auftraten und sich dabei von einer reinen Tanzkapelle zur Showband entwickelten.
Ab 1927 machten sie Schallplattenaufnahmen von noch heute bekannten Schlagern (Am Sonntag will mein Süsser mit mir Segeln gehen, Mein Gorilla hat ‘ne Villa im Zoo, Nimm Dich in Acht vor blonden Frau‘n), traten in Filmen wie Der blaue Engel auf und gingen auf internationale Tourneen. 1933 kehrten die Musiker, die fast alle Juden waren, von einer Auslands-Tournee nicht nach Deutschland zurück. In Australien versuchte die Band vergeblich, Fuß zu fassen, und löste sich schließlich auf.
Der Maler Max Oppenheimer hatte Deutschland angesichts der politischen Situation bereits 1932 verlassen und konnte im New Yorker Exil, wo er 1954 starb, ebenfalls nicht mehr an seine Erfolge anknüpfen.
Wie malt man Musik?
Max Oppenheimer lebte von 1912 bis 1915 und erneut von 1925 bis 1931 in Berlin. Seine ersten Erfolge hatte er in Wien mit psychologisierenden Porträts von Künstler*innen, Dichter*innen und Musiker*innen; seit 1914 setzte er dagegen das Musizieren selbst ins Bild. Als begabter Violinist und Besitzer eines Instruments von Nicola Amati, malte er zunächst vor allem Streicher und Streichquartette, wie das Hess Quartett (1914, verschollen) und das Rosé Quartett (1925, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg), sowie Ferruccio Busoni am Klavier (1916, Nationalgalerie SMB und Akademie der Künste zu Berlin), bevor er sich 1927 den Weintraub Syncopators widmete.
Er entwickelte dafür einen Mischstil aus Futurismus und Neuer Sachlichkeit. Während er die Gesichter porträtgetreu und moderat modernistisch wiedergab, versuchte er die Vielstimmigkeit und den Rhythmus der Jazz-Musik durch kubistisch inspirierte Staffelungen, Facettierungen und Anschnitte in das Medium der Malerei zu übersetzen. Oppenheimer sah darin „Kraftlinien“ als Ausdruck für „dynamische Empfindungen“. Waren seine Darstellungen klassischer Musiker von Braun- und Cremetönen bestimmt, nutzt er für die Jazzband kräftige Rot- und Gelbtöne, um die schnelle, laute und energiegeladene Musik wiederzugeben.
In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre widmet sich Oppenheimer den Themen des modernen Großstadtlebens, dem Sport und den modernen Berufen. Auf dem Gebiet der Unterhaltungsmusik bleibt die Jazzband seine einzige Darstellung. Unter den künstlerischen Darstellungen des Jazz ist das Gemälde eines der wenigen bereits in den 1920er-Jahren entstandenen Gemälde.
Doch fungiert der Jazz bei Oppenheimer keineswegs, wie etwa bei seinen Künstlerkollegen Otto Dix, George Grosz und Max Beckmann, als Sinnbild des modernen Großstadtlebens – ambivalent changierend zwischen aufregend Neuem und dem Lärm, Tempo, sozialen Gegensätzen oder gar Verfall der Sitten. Ebenso wenig folgt Oppenheimer der damals schon zum Klischee geronnenen Assoziation des Jazz mit Afrika und schwarzen Musiker*innen. Sein künstlerisches Interesse gilt hingegen, analog seiner Darstellung von Streichquartetten, der konkreten Jazzband und der malerischen Umsetzung der Dynamik ihres Spiels und ihres spezifischen musikalischen Tons. Für beide, die klassische Kammermusik und den Jazz, setzt er ähnliche künstlerische Mittel ein und zeigt so den Jazz als eine gleichberechtigte, neue Form des Musizierens im Ensemble.
Der Weg des Gemäldes
Das Gemälde wurde schon kurz nach seiner Entstehung in zwei Ausstellungen der Galerie Alfred Flechtheim in Berlin und Düsseldorf gezeigt und durch Reproduktionen in dessen Zeitschrift Der Querschnitt und in den Horen verbreitet. Die Band benutzte es als Werbematerial für ihre Auftritte und der Maler und Bühnenbildner Sascha Wiederhold verwendete 1929/1930 eine Reproduktion in einem Bühnenbildentwurf.
Seit spätestens 1930 gehörte die Jazzband dem Rechtsanwalt und Psychoanalytiker Hugo Staub. Von seiner Beziehung zu Max Oppenheimer zeugt das ebenfalls 1927 entstandene Porträt von Staubs Ehefrau mit Kind (Puttkamer Nr. 176).
Als Jude und Mitglied der Deutschen Liga für Menschenrechte geriet Staub früh ins Visier der Nationalsozialisten. 1933 floh er über Frankreich und Großbritannien in die USA, wo er 1942 starb. Das Gemälde ließ er in der Berliner Wohnung zurück. Bis heute ist ungeklärt, was damit bis 1962 geschah, als es wieder im Berliner Kunsthandel auftauchte und vom Sohn eines aus Berlin emigrierten Architekten gekauft wurde. Von seinen Erben erwarb das Jüdische Museum Berlin (JMB) das Gemälde 2024 mit dem Einverständnis der Erben von Hugo Staub nach einem fairen und gerechten Ausgleich. Es ist seit 2024 in der Dauerausstellung des JMB zu sehen.
Inka Bertz, Kuratorin für Bildende Kunst (bis 2025)
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Titel |
Jazzband / Weintraub Snycopatos |
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Künstler |
Max Oppenheimer (1885–1954) |
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Sammlungsgebiet |
Bildende Kunst |
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Datierung |
1927 |
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Material |
Öl auf Leinwand |
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Maße |
123,3 x 118,4 x 3,6 cm |
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Erwerb |
JMB; ehemals Sammlung Dr. Hugo Staub, 1933 zwangsweise entzogen; seit 1962 Privatbesitz. 2024 vom JMB erworben, im Anschluss an eine gerechte und faire Lösung, vermittelt durch das Auktionshaus Grisebach, mit Mitteln einer Testamentsspende von Gisela Schwandt an die Deutsche Bank Stiftung |
Zitierempfehlung:
Inka Bertz (2021), Gemalter Jazz. Objekt im Fokus: Max Oppenheimers Jazzband (Weintraubs Syncopators), 1927.
URL: www.jmberlin.de/node/10632
Ausgewählte Objekte: Sammlung Bildende Kunst (13)
Ausgewählte Werke: Kunst im Jüdischen Museum Berlin (6)