Das Fest des Fahrrads

Jom Kippur in Israel

Avner Ofrath

Vielleicht hätte ich fasten sollen. Stattdessen rieb ich mir meine verletzten Knie und Handgelenke und hob mein verbogenes Fahrrad von der Straße auf.

An Jom Kippur, dem „Tag der Versöhnung“, soll man über seine Vergehen des letzten Jahres nachdenken, sich bei Freund*innen und Angehörigen entschuldigen, beten und fasten. Und weil Jom Kippur der heiligste Tag des jüdischen Kalenders ist, wird er in Israel von den meisten, auch von Atheist*innen, respektiert: Busse, Züge und Flugzeuge stehen still, Geschäfte bleiben geschlossen, selbst Autofahren ist tabu. So kommt es, dass an Jom Kippur die Straßen und Auto­bahnen leer sind. Und weil auch im Fernsehen und Radio nichts läuft, ist dieser Tag für diejenigen, die das Büßen nicht besonders ernst nehmen, ideal zum Fahrrad­fahren.

Denn Fahrradwege gibt es in Israel kaum, und die Jerusalemer Auto­fahrer*innen sind nicht gerade für ihre Geduld bekannt. Unbeabsichtigt hat sich in Israel Jom Kippur inzwischen quasi zum Fest des Fahrrad­fahrens entwickelt, das ich gerne mitfeierte. Auf den hügeligen Straßen kreiste ich bergauf, bergab, in Achtern und Kurven – und rutschte dann doch schmerzvoll aus.

Nächstes Jahr bleib ich an Jom Kippur zu Hause.

Avner Ofrath, Medien

Tel Aviv an Jom Kippur, 2009

Zitierempfehlung: 
Avner Ofrath (2012), Das Fest des Fahrrads. Jom Kippur in Israel.
URL: www.jmberlin.de/node/6511
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