Das Kol Nidre und die „bürgerliche Verbesserung der Juden“

Ein jahrhundertelanger Streit

Haim Mahlev

Am Vorabend des Versöhnungstages sind die Synagogen immer brechend voll mit Menschen, die angespannt auf das Singen des Kol Nidre warten. Das Kol Nidre ist ein Gebet in Form einer Erklärung auf Aramäisch und Hebräisch. Darin wird Gott angefleht, „alle Gelübde, Verbote, Bannsprüche, Umschreibungen und alles, was dem gleicht, Strafen und Schwüre, die wir geloben, schwören, als Bann aussprechen, uns als Verbot auferlegen“ zu vergessen, und zwar entweder die des vergangenen oder die des kommenden Jahres.

Postkartenmotiv: Ein Feldgeistlicher zelebriert das Kol Nidre vor Soldaten

Bildpostkarte Kol Nidre vor Metz 1870; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2002/6/3, Schenkung von Liselotte Eschenbach, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Diese doch recht überraschende Bitte warf bei vielen jüdischen Gelehrten im Laufe der Geschichte die Frage nach der Berechtigung des Kol Nidre auf. Während die einen argumentierten, der Talmud bestätige, dass Gelübde aufkündbar seien (Nedarim 23), erklärten andere, wie etwa der Rabbiner Amram Gaon (810–875), das Kol Nidre zu einer „törichten Sitte, die nicht befolgt werden sollte“. Raschi (1040–1105) meinte, die Erklärung gelte nur für Gelübde, die man zu erfüllen vergessen habe, und halachische Bücher wie das Kol-Bo verfügten, man solle auf das Kol Nidre ganz verzichten – woran sich auch viele jüdische Gemeinden hielten.

Anlass für die Kontroversen war immer wieder die Sorge, dass die Menschen denken könnten, das Kol Nidre entbinde sie von jeder Art Versprechen, sei es im religiösen oder im bürgerlichen Leben. Es ging also nicht nur darum, wie die jüdische Obrigkeit den Zusammenhalt der Gemeinde sichern konnte, sondern ebenso um die Beziehungen zu anderen Gruppen, auf die die jüdischen Gemeinden ja vielfach angewiesen waren. Manchmal mit fatalen Folgen: Bei der berüchtigten „Disputation von Paris“ im Jahr 1240 beschuldigte Nicolas Donin, ein Konvertit zum Christentum, die Juden*Jüdinnen, sie seien ehrlos und nicht vertrauenswürdig, da ihnen das Kol Nidre erlaube, selbst jeden gerichtlichen Eid ungeschehen zu machen. Darauf erwiderte Jechiel ben Josef – derselbe Pariser Rabbiner, der Nicolas Donin zehn Jahre zuvor exkommuniziert hatte –, dass die Erklärung niemanden von weltlichen Versprechen entbinden könne, sondern bloß von irrigen Gelübden vor Gott. Der Streit endete einige Jahre später mit der Verbrennung des Talmud.

Die gleiche Beschuldigung wurde noch bei mindestens einem weiteren ›Religionsgespräch‹ im Mittelalter erhoben, der „Disputation von Barcelona“ im Jahr 1263, bei der wiederum ein Konvertit – Pau Cristià, auch als Pablo Christiani bekannt – gegen den berühmten Rabbiner Nachmanides (Ramban) antrat. Bezeichnend ist, dass zur gleichen Zeit Rabbiner Meir von Rothenburg, wiederum ein Schüler des Rabbiners Jechiel ben Josef von Paris, dem Kol Nidre eine Einleitung voranstellte, die bis heute rezitiert wird und den „Straftätern“ (avaryanim) die Teilnahme an der Zeremonie erlaubt. Ob damit Gesetzesbrecher gemeint sind oder zum Christentum zwangskonvertierte Juden (Anussim), die falsche Schwüre im Namen Christi ablegten, ist bis heute umstritten.

Bild von Gelehrten mit Talar und Hut und Büchern in der Hand

Der Holzschnitt von Johann von Armssheim (1483) zeigt eine Disputation zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten (Soncino Blätter, Berlin, 1929. Jerusalem, B. M. Ansbacher Collection), via Wikimedia Commons

Die Anschuldigung, Jüdinnen*Juden – die sich vor allem ungern vor eine christliche Gerichtsbarkeit stellen ließen – seien nicht vertrauenswürdig, hielt sich durch die ganze frühe Neuzeit, und immer wieder wurde das Kol Nidre als Beleg dafür herangezogen. Mit dem Aufstieg des Protestantismus und dem Aufkommen der Konzepte von Staat und Gesellschaft machte sich die Rechtsprechung nach und nach von der Religion unabhängig, und das Thema nahm eine juristische Qualität an. Moses Mendelsohn ist bekannt für seine Haltung, dass bürgerliche Eide in jedem Fall einzuhalten und auch durch keine religiöse Zeremonie auflösbar seien. Juden*Jüdinnen müssten nicht konvertieren, um gute Bürger*innen zu werden, so erklärte er, und die jüdische Religion stelle keinerlei Bedrohung für eine moderne Gesellschaft dar. Diese Argumentation übernahmen viele Denker der Haskala – der jüdischen Aufklärung –, und sie fand ihren Niederschlag auch in Christian Wilhelm von Dohms Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden, die er auf Anregung Mendelssohns verfasste. Dennoch blieben die Vorbehalte innerhalb wie außerhalb der jüdischen Gemeinden durch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch bestehen. So riet die erste Rabbinerversammlung in Braunschweig 1844 dazu, das Kol Nidre in seiner überlieferten Form zu unterlassen, und Abraham Geiger (1810–1874) entwarf eine neue Erklärung, um Gott um Vergebung aller Sünden und Straftaten (psha’im) zu bitten.

Alle Versuche, das Kol Nidre abzuschaffen, haben seiner Beliebtheit jedoch keinen Abbruch getan. Es ist eines der bekanntesten Gebete des Judentums und ein unvergleichlicher, eindrucksvoller Moment in der jüdischen Liturgie. Vielleicht bezieht es seine Kraft – wie sie auch die berühmte Komposition von Max Bruch (der selbst Protestant war) feiert – gar nicht aus seinem Wortlaut; sondern eben daraus, dass es schon so viele Jahrhunderte lang allen Kontroversen und Anfechtungen standhält.

Haim Mahlev, Dauerausstellung

Buchseite mit dem Text des Kol Nidre in hebräischen Buchstaben

Machsor für Jom Kippur, Offenbach, 1825, gedruckt von Zvi Hirsch Spitz Segal, Public domain via Wikimedia Commons

Zitierempfehlung: 
Haim Mahlev (2015), Das Kol Nidre und die „bürgerliche Verbesserung der Juden“. Ein jahrhundertelanger Streit.
URL: www.jmberlin.de/node/6209
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