Äpfel in Honig und Gefilte Fisch

Wie Museumsmitarbeiter*innen die Hohen Feiertage verbringen und was sie persönlich damit verbinden

„Wie verbringst Du die Hohen Feier­tage dieses Jahr?“ Diese Frage haben wir Mit­arbeiter*innen des Jüdischen Museums Berlin gestellt. Manche Antworten fielen kurz aus, wie z.B. die Antwort einer Kollegin, die „meistens gar nichts“ macht „(außer vielleicht ein paar Stücke Apfel in Honig tauchen…)“. Andere hatten eher einen indirekten Charakter, wie etwa eine Abwesenheits­notiz, die mit „Herzliche Grüße und shana tova“ schloss. Hier einige weitere Antworten:

Wie verbringst Du die Hohen Feier­tage dieses Jahr?

„In diesem Jahr werde ich zu Rosch ha-Schana wie immer zu meiner Oma gehen. Mit einem Unter­schied: Ich hoffe, dass sie dieses Mal meinem Rat folgt und die Gefilte Fisch vor dem Servieren aufzuwärmen vergisst, weil sie kalt viel besser schmecken.“ (Alina Gromova, Wissen­schaftliche Mitarbeiterin des Fellowship-Programms und Guide)

„Wie jedes Jahr begehen wir den Vorabend von Rosch ha-Schana mit Freunden bei einem Abend­essen, das durch allerlei Segens­sprüche geheiligt wird. Wir ertränken Äpfel in Honig und kaufen seltsame Früchte, deren Verzehr uns Rätsel aufgibt. Mit Neuem begehen wir kulinarisch das neue Jahr, das mündet nicht selten in einem biologischen Intelligenztest. Danach gibt es leider keine Krepplach, weil sie niemand mehr zubereiten kann, und ‚Gefilte Fisch‘ bestenfalls aus dem Glas. Seine Herstellung würde Tage in Anspruch nehmen, nicht zu reden von dem Gestank, der beim Kochen des Fisches entsteht, der sich im ganzen Haus verteilt und nicht nur die unlieb­samen Nachbarn vertreibt. Die restliche Abfolge der Speisen ist unspektakulär. Manche der Dinner­gäste gehen an den folgenden zwei Tagen in eine Schul, die entweder nach Kindheits­erinnerungen oder nach liturgischem Interesse ausgewählt wird.“ (Cilly Kugelmann, Programmdirektorin)

„Rosch ha-Schana wird bei uns – wie die meisten jüdischen Feste – nicht groß gefeiert, weil in meiner Familie auf religiöse Erziehung keinen großen Wert gelegt wurde. Dennoch wird nach alter Tradition am Vorabend des Jahres­wechsels eine Tafel mit Äpfeln und Honig gedeckt, damit das neue Jahr voller süßer Momente sein wird. Diesen Brauch – und an anderen Feste viele andere Bräuche – pflegen wir als unser jüdisches Erbe.“ (Violetta Gershman-Labunski, Personal­bereich)

Gestapelte Honiggläser

Honiggläser, Quelle: Pixabay

CC0

„Die Feiertage werde ich mit Freunden begehen und ich werde in guter eigener Tradition viel tanzen und trinken. Ganz im Tel Aviv-Style.
Ich genieße es außerdem sehr, in die Synagoge zu gehen und gemeinsam in großer Gruppe zu beten. Jeder gibt seinen Teil dazu und so entsteht ein perfektes Gebet. Aber es gibt auch immer die Diskussion um die Jahres­platzkarten. Ich habe nichts gegen Spenden, aber eine Pflicht­abgabe (in Form der Jahres­platzkarte), um zu beten, finde ich bedenklich.“ (Roland Schmidt, Host)

„Rosch ha-Schana werde ich dieses Jahr mit meinem sechs­jährigen Sohn verbringen. Er wird jedoch am nächsten Tag zur Schule gehen. An Jom Kippur gehe ich manchmal in die Synagoge, aber nicht zwingend. Ich faste, aber auch hier auf meine Art, denn ich trinke weiterhin Wasser.“ (Sarah Hiron, Bildung)

„Dieses Jahr werde ich die Hohen Feiertage ungefähr so verbringen: am Abend des 4. September zu Hause mit meiner Familie mit Honig­kuchen und dem Film Ushpizin (2004; eigentlich handelt er von Sukkot, aber das ist verwandt). Am 5. September gehe ich in die Synagoge, aber nicht allzu lange. Ausnahms­weise werde ich am zweiten Tag von Rosch ha-Schana eine Handvoll Sieben­jährige unterhalten, weil der Feiertag dieses Jahr mit dem Geburtstag meiner Tochter zusammenfällt.“ (Naomi Lubrich, Medien)

Welche Erinnerungen verbindest Du mit den Hohen Feier­tagen?

Synagogen-Eintrittkarte für die Hohen Feiertage 1936, ausgestellt für Franz Rosenthal

Historische Synagogen-Eintrittkarte für die Hohen Feiertage, ausgestellt für Franz Rosenthal; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2010/44/3, Schenkung von Henri W. Aram, Foto: Julia Miszczuk. Weitere Informationen zu diesem Dokument finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

„Wenn ich zurück­denke, dann erinnere ich als erstes Familie und Freunde, dicht gefolgt von Essen, sehr viel Essen.“ (Roland Schmidt, Host)

„Die Mahl­zeiten bei meiner Oma habe ich als so üppig und ausladend in Erinnerung, dass man danach nicht nur am Jom Kippur, sondern am besten ein ganzes Jahr lang fasten sollte.“ (Alina Gromova, wissenschaft­liche Mitarbeiterin des Fellowship-Programms und Guide)

„Um bei der Kulinarik zu bleiben, erwähne ich die Zeiten, in denen der ‚Gefilte Fisch‘ noch selbst gekocht wurde. Zwei Karpfen wurden beim Fisch­händler bestellt, der im September das Geschäft des Jahres machte, weil die Rosch ha-Schana feiernde Kund­schaft nach lebendigen Fischen Schlange stand. In einem Blech­eimer wurde der zappelnde Inhalt in der Straßen­bahn nach Hause getragen, begleitet von den eisigen Blicken miss­trauischer Tier­schützer. Zu Hause wartete schon eine mit Wasser gefüllte Bade­wanne auf die neuen Bewohner, die für einige Tage dafür sorgten, dass die Körper­pflege der Mit­bewohner auf ein homöo­pathisches Maß reduziert wurde. Diese für Tier und Mensch unangenehme Tortur diente der Ent­schlammung der Karpfen. Einen Tag vor Rosch ha-Schana wurden die Fische mit einem gezielten Schlag auf den mit einem Hand­tuch umhüllten Kopf geschlachtet, ausgenommen und gekocht, währende andere Fische aus­genommen, gekocht und durch einen Fleisch­wolf gedreht wurden. Was darüber hinaus mit den Fischen angestellt wurde, bis sie als ‚Gefilte Fisch‘ Erew Rosch ha-Schana auf einem Teller, garniert mit Mohrrüben­scheiben auf einem Gelee­bett serviert wurden, weiß ich nicht. Zusammen mit der Kreplach-Suppe entführten uns diese beiden Speisen für zwei Tage in eine Welt, die außerhalb des Schul­alltags, der Stadt und sogar des Landes lag, in dem wir lebten.“ (Cilly Kugelmann, Programmdirektorin)

Gezeichneter Fisch auf einer Servierplatte

Zeichung: Alina Gromova, Jüdisches Museum Berlin

„Die Hohen Feiertage wecken bei mir Erinnerungen an festliche Kleider und neue Schuhe, Äpfel, Honig und Kinder­wein. Ich erinnere mich, wie ich in den 1980er Jahren mit meinen Schwestern im Hinterhof der Synagoge in der Pestalozzi­straße spielte, wenn der Gottes­dienst langweilig wurde. Zur Wende­zeit nahm ich am ersten gemeinsamen Ost-West-Gottesdienst in der Synagoge in der Berliner Ryke­straße teil. Damals sagte man mir, das sei historisch, aber ich fand den Gottes­dienst nicht anders als sonst. In den 1990er Jahren habe ich die Hohen Feier­tage in Toronto verbracht, genauer gesagt: auf dem Boden der Sport­halle des dortigen jüdischen Gemeinde­zentrums, die die egalitären Juden, die schmuck­voller Ausstattung skeptisch gegenüber­standen, in eine Synagoge umgewandelt hatten.“ (Naomi Lubrich, Medien)

„In Erinnerung sind mir vor allem die Familien­treffen in Paris. Wir waren etwa 20 Personen am Tisch und meine Großtante Viviane Weinberg hat das leckerste Essen gekocht. Seit sie und auch mein Groß­onkel Marcel gestorben sind, ist die Familie mehr oder weniger auseinander­gefallen und es finden nur noch sporadisch Familien­feste statt. In Paris sind wir entweder in die Synagoge der Rue Buffault oder in die Grande Synagogue de la Victoire gelaufen. Erst jetzt im Nachhinein ist mir bewusst, wie lebendig, jung und dynamisch die Gemeinde in Paris ist, wenn ich es mit Berlin vergleiche.“ (Sarah Hiron, Bildung)

Welche Bedeutung haben die Hohen Feier­tage für Dich?

Tischkarte mit hebräischer Beschriftung und einem jungen Paar, das durch ein Fenster schaut

Tischkarte mit hebräischem Neujahrs­gruß; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 1999/211/1, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu diesem Dokument finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

„Ich mag Rosch ha-Schana und Neujahres­feiern generell. Ich feiere sie alle: Geburts­tage, die Hohen Feier­tage und Silvester.“ (Naomi Lubrich, Medien)

„Die Zeit zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur nutze ich meist, um mich ein wenig zu sortieren: Was läuft gerade nicht gut? Was möchte ich ändern? Ich nehme mir mehr Zeit zum Nach­denken und um Bilanz zu ziehen.“ (Sarah Hiron, Bildung)

„Wie der Schabbat sind die hohen Feiertage eine Chance, meinem Glauben mehr spirituellen Freiraum zu geben. Ich empfinde es als eine besondere Zeit, eine gesegnete, die mich ermutigt die Traditionen fortzuführen und mir bewusst zu werden. Gleichfalls ist es aber auch Freizeit und das bedeutet auch Nacht­leben, Spaß und aus­schlafen.“ (Roland Schmidt, Host)

„Obwohl ich das ganze Jahr über säkular lebe und keine Synagoge besuche, hat Jom Kippur für mich einen hohen spirituellen Stellen­wert. Ich faste und vermeide es, Musik zu hören oder sonstige amüsante Unterhaltung zu konsumieren. Stattdessen ist der Tag geprägt von Demut, Nach­denken, Stille und Besinnung auf die Natur. Da es sich nicht um ein Freuden­fest mit zentralem Ritual handelt, ist Jom Kippur jedes Jahr anders und mit immer wieder neuen persönlichen Erfahrungen verbunden.“ (Roman Labunski, Bildung)

Lithografie auf Karton von Menschen, die durch das Eingangsportal in eine Synagoge gehen

Die Postkarte „Am Vorabend des Versöhnungs­tages“ ist das einzige Zeugnis eines Gemäldes von Moritz Daniel Oppenheim aus dem Jahr 1873, das 1939 in London zerstört wurde; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2016/353/0, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Zitierempfehlung: 
JMB-Mitarbeiter*innen (2013), Äpfel in Honig und Gefilte Fisch. Wie Museumsmitarbeiter*innen die Hohen Feiertage verbringen und was sie persönlich damit verbinden.
URL: www.jmberlin.de/node/6485
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