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Das Jüdische Museum Berlin bleibt bis auf Weiteres wegen Umbaus geschlossen. Aufgrund der Corona-Pandemie kommt es leider zur Verzögerungen beim Bau der neuen Ausstellung. Über den Eröffnungstermin informieren wir Sie sobald wie möglich.

Neue Bräuche zum Neujahr

Taschlich-Schiffchen statt Brotkrumen im Landwehrkanal

Shlomit Tripp

Vor einigen Jahren besuchte eine Gast­dozentin aus New York die Berliner Synagoge am Fraenkel­ufer und zeigte uns, wie ihre Gemeinde einen alten Neujahrs­brauch – Taschlich – neu praktiziert.

Das traditionelle Taschlich-Gebet spricht man am Nachmittag des ersten Rosch ha-Schana Tages. Üblicherweise versammeln sich Gläubige am jüdischen Neujahrs­fest Rosch ha-Schana an einem Fluss und streuen Brot­krumen ins Wasser, um sich symbolisch ihrer Vergehen des vergangenen Jahres zu entledigen. In den Landwehr­kanal gegenüber der Synagoge entließ die US-Dozentin jedoch nicht Krumen, sondern ein selbst­gebasteltes Papier­schiffchen, dem sie einen Brief an Gott mitgab. Darin bat sie um Vergebung für ihre Fehler und beteuerte ihre guten Vorsätze. Der Brief enthielt auch einen Dank für die schönen Erlebnisse des letzten Jahres und ihre Wünsche für das kommende Jahr.

Der Brauch kam in der Synagoge am Fraenkel­ufer gut an. Kurz vor dem ersten Abend­gottesdienst treffen sich seither viele Gemeinde­mitglieder an der Uferstelle und schicken ihre bunten Taschlich-Schiffchen auf See. Der Brauch hat sich sogar noch ausgeweitet:

Ein Mädchen wirft Blüten in den Landwehrkanal, wo schon ein selbstgebasteltes Schiffchen schwimmt

Jüdisches Museum Berlin, Foto: Shlomit Tripp

Letztes Jahr warfen einige den Booten Blüten­blätter von gesammelten und getrockneten Blumen­sträußen hinterher. Das passt zum Thema des Verzeihens, denn oft bekommt man Blumen­sträuße als Geste der Entschuldigung. So schickt man gewisser­maßen die „Entschuldigungs­blumen“ des letzten Jahres fort und kehrt mit dem leeren Behälter heim, der wieder für neue Blüten bereit steht.

Unbeabsichtigt, auch wenn vielleicht nicht überraschend, ist dieses Ritual bei Frauen und Mädchen besonders beliebt – wie bei der Tochter meiner Freundin, die das Foto mit ihrem Taschlich-Schiffchen zeigt. Es empfiehlt sich, die Briefe anonym zu halten, da sie in die Hände neugieriger Kreuzberger*innen treiben könnten. Der eigentliche Empfänger wird schon wissen, wer den Brief losgeschickt hat ;-)

Schana Tova!

Shlomit Tripp

Blüten und Papierschiff treiben im Wasser

Jüdisches Museum Berlin, Foto: Shlomit Tripp

Zitierempfehlung:

Shlomit Tripp (2012), Neue Bräuche zum Neujahr. Taschlich-Schiffchen statt Brotkrumen im Landwehrkanal.
URL: www.jmberlin.de/node/6481

Feiertage: Alte Riten, neue Bräuche (14)

Alte Riten, neue Bräuche

Mitarbeiter*innen des Museums erzählen von besonderen Traditionen zu einzelnen jüdischen Feiertagen.

Taschlich-Schiffchen statt Brotkrumen

Shlomit Tripp über einen alten Neujahrsbrauch, neu praktiziert

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